Samstag, Juni 22, 2024
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Lena Live

Lena. Der einfache Name mit vier einfachen Buchstaben gehört zu einem eigentlich ganz einfachen, jungen Mädchen. Der Stefan-Raab-Sprössling, die Eurovision-Song-Contest- und die mehrfache Gold- und Echogewinnerin ist gerade für ihre erfrischend-normale Art, ge- fühlt von ganz Deutschland, adoptiert worden. Trotzdem hat der Ruhm zwei Seiten: Wir haben mit Lena Meyer-Landrut über beide, und auch ihre verschiedenen Facetten, gesprochen und darüber, dass sie keinen Fehler bereut. Denn Fehler sind menschlich. Und Lena auch.

Fotos: Dirk Schumacher c/o dirkschumacher.com //

Styling: Jill Kramer c/o 21agency.de //
Hair & Make-up: Sabrina Scheuer c/o 21agency.de //

Postproduction: Daniel Städtler c/o daniel-staedtler.de //

Assistenz: Thanee Halbach /

Dein Album erschien im Mai 2015, es heißt „Crystal Sky“ und ab dem 21. Oktober gehst du damit auch auf Deutschland-Tour. Was ist für dich kristallklar? Bist du jemand der Schwarz und Weiß sieht, feste und einfache Meinungen zu etwas hat, oder siehst du die Grau-Stufen und die Komplexität der Dinge? Es ist unterschiedlich. In einigen Dingen bin ich ganz klar und auch sehr radikal, aber ich glaube trotzdem, dass ich sehr tolerant bin und deshalb doch ziemlich viel Grau sehe. Ich versuche, Dinge immer von verschiedenen Seiten zu beleuchten und weniger in Schubladen zu denken. Ich will also lieber Grau sehen, als Schwarz-Weiß. // Und was sind die Dinge, die du dann mal Schwarz-Weiß siehst? Das sind meist spontane Situationen, Gefühle die ich in bestimmten Momenten habe und dann auf etwas Lust habe, oder eben überhaupt nicht. Und dann bin ich davon auch nicht abzubringen. // Du machst eigentlich einen recht selbstbewussten Eindruck, meinst aber, dass du beim Songwriting zu deinem neuen Album mit lauter Profis am Anfang erst unsicher warst und lernen musstest, für dich und deine Ideen einzustehen. Bist du generell unsicher? Es ist witzig: Man wirkt automatisch selbstbewusst, wenn man laut ist. Und mir fällt es auf jeden Fall nicht schwer, laut zu sein. Das heißt aber nicht, dass ich von Grund auf super selbstbewusst bin. Ich habe viele Situationen, in denen ich mich unsicher fühle. Ich musste über die Jahre mehr lernen, für mich einzustehen und auch mein Selbstwertgefühl zu steigern. Man sollte sein eigenes Licht nicht zu sehr unter den Scheffel stellen: Ich weiß eigentlich, dass ich etwas kann, aber ich traue mich nicht. Dann sage ich mir: „Lena, du brauchst jetzt nicht so zu tun, als ob du das nicht kannst.“ Die Sache ist, dass man oft schief angeguckt wird, wenn man sagt: „Ehrlicherweise denke ich, dass ich die Beste darin bin“. Aber ich finde, man darf das machen. Wenn man sich mehr traut und sicherer in dem ist, was man ist, wird das Leben auch leichter. Ich hoffe, dass ich das meinen Kindern irgendwann mal vermitteln kann. Sie sollen sich, so wie sie sind, sicher fühlen. Egal was sie anhaben oder mögen. // In Büchern und Filmen suchst du immer nach Leuten, mit denen du dich identifizieren kannst. Was meinst du, wer sind die Leute, die sich mit dir identifizie- ren können, was macht dich aus? Jede öffentliche Person dient irgendwo dem Zweck, dass man sich mit ihr identifiziert, vergleicht oder sich sagt „genauso will ich nicht sein“. Ich glaube schon, dass ich jemand bin, der dafür steht, dass man mal den Mund aufmachen und sagen kann, was man denkt. Ich bin keine Marionette, die das macht, was von ihr erwartet wird. Ich bin auch ziemlich normal geblieben, also glaube ich, dass Mädchen sich mit mir ganz gut identifizieren können. Bei „The Voice Kids“ habe ich zum Beispiel immer das Gefühl, die große Schwester zu sein. // Dein Durchbruch kam 2010 durch die Stefan-Raab-Show „Unser Star für Oslo“, die du gewonnen hast und später hast du tatsächlich auch noch als zweite Deutsche nach über 20 Jahren den ersten Platz beim Eurovision Song-contest gemacht. Das war der endgültige Schub für die „Lena-Manie“ in Deutschland. Heute hast du bereits in der deutschen Jury für den ESC gesessen und auch bei The Voice Kids saßt du im Jury-Stuhl.

Früher wurdest du bewertet, heute bewertest du. Wie ist es für dich, nun auf der anderen Seite zu sitzen? Es ist schon interessant die andere Seite kennenzulernen, aber in der Jury des ESC’s bewertet man die Leute nicht direkt, wie bei „The Voice Kids“. Bei letzterem auch nicht wirklich, denn es ist mehr ein Spaß, als alles Andere. Wir müssen in der Kommunikation mit den Kindern versuchen, es eher als Spiel darzustellen, in dem es nicht um Gewinnen oder Verlieren geht. Es geht um den Spaß an der Sache, um das Singen. 95 Prozent der Kinder verstehen das. Um das zu schaffen, sitzen wir viel mit Psychologen zusammen, die uns Tipps geben, wie wir am besten mit den Kindern umgehen und eben nicht bewerten. Wir versuchen eher die Situation zu feiern, als einem Kind zu sagen, dass es aus den und den Gründen nicht weiterkommt. // „Bewerten“, das ist ein schwieriges Wort. Auch wenn du nicht mehr als Kandidatin in Casting-Shows sitzt, hat man das Gefühl, dass die Leute dich trotzdem werten, jeder hat eine Meinung zu dir. Wie gehst du damit um? Manchmal ist es anstrengend. Beim Betreten eines Raumes mit vielen Leuten habe ich eine Zeit lang immer das Gefühl gehabt, ich muss mich beweisen, erst mal zeigen, wer ich bin. Und dass man oft auch Leute vom Gegenteil überzeugen muss, die ersten zwei Stunden wahnsinnig gute Laune haben muss, damit alle glauben, dass man eigentlich eine ganz nette Person ist. Aber am Ende ist es eine Berufskrankheit: Sobald man in der Öffentlichkeit steht, hat jeder eine Meinung zu dir. // Was hältst du generell davon, Leute oder etwas zu bewerten? Bist du vorurteilsfrei? Nein, in meinem Privatleben habe ich schon Vorurteile, die hat wohl jeder. Aber ich versuche es einzugrenzen. Ich finde es ganz schrecklich, wenn man in der Öffentlichkeit lästert. Ich bin der größte Konsument von Trash, ich kaufe mir auch viele Klatschblätter, aber als Person des öffentlichen Lebens ist man auf keinen Fall dazu verpflichtet, immer eine Meinung zu haben und sich zu allem zu äußern. Wenn mich jemand auf dem roten Teppich fragt, was ich von dem neuesten Instagram-Foto von Heidi Klum und Vito Schnabel halte, dann drehe ich mich sofort um. // Was ist das größte, falsche Vorurteil, was Leute von dir haben? Dass ich eine Zicke bin. // Und woher kommt das? Von zwei bis drei Interviews, die ich vor Jahren mal gegeben habe. So etwas wird man nicht los: Ich werde heute noch oft auf die Casper- oder Frank-Elsner-Sache angesprochen. Ich glaube dadurch, dass ich sonst so wenig anstelle, halten sich die Leute an diesen Dingen fest. Aber ich würde mir sehr wünschen, dass sich das mit der Zeit wieder normalisiert und relativiert und dass die Leute mich als ziemlich normal wahrnehmen. Normale Menschen haben nun auch mal einen schlechten Tag. Auf der anderen Seite ist es auch wieder nicht authentisch, wenn man immer gute Laune hat. Das ist wirklich schwierig und hat mich auch lange beschäftigt. Man kann es nicht allen Recht machen. // Ich glaube, bei dir war auch das Problem, dass du eine Zeit lang recht überpräsent warst. Muss man in deinem Business eine Balance halten, zwischen präsent und erfolgreich sein, aber nicht zu viel gesehen zu werden? Auf jeden Fall. Aber zu ESC-Zeiten, konnte ich mich dem einfach nicht entziehen oder mich dagegen wehren. Jetzt mache ich alles ganz normal, wie jeder andere Künstler auch: Ich habe Projekte, arbeite an einem Album und wenn das durch ist, mache ich mal wieder ein paar Monate eine kleine Auszeit und verschwinde von der Bildschirmfläche. // Brauchst du diese Auszeiten auch als persönlichen Kontrast zu deinem hektischen Berufsleben? Ja, total. Nicht in dem Sinne, dass ich ein halbes Jahr auf Weltreise gehe, aber schon wenn ich zwei Wochen mal zuhause sein kann, bin ich happy. Wenn ich ein halbes Jahr abtauche, dann mache ich auch genau das: Ich bin zuhause und schreibe vielleicht nebenbei in Ruhe ein paar Songs. // Wie hältst du es generell mit Kontrasten und Gegensätzen? Brauchst du auch mal was völlig anderes, von dem was du sonst tust? Ich habe mir bestimmte Kontraste schon bewusst für mein Privatleben gesetzt. Da ist nämlich gar nichts so glamourös: Ich habe eine ganz normale Wohnung. Man hätte jetzt auch ausflippen und sich eine Villa kaufen können, mit Leuten, die für einen putzen und kochen, aber das finde ich albern. Bei mir soll es privat so normal sein, wie bei jedem anderen in meinem Alter: Ich komme von der Arbeit nach Hause und dann liegt halt noch die nasse Wäsche in der Maschine. Und ist vergammelt, weil man’s vergessen hat. Dann muss halt noch mal gewaschen werden. // Was wäre denn das komplette Gegenteil von dir? Jemand, der sehr ordentlich ist. Obwohl, in einigen Situationen bin ich auch neurotisch ordentlich, wenn ich in ein Hotel komme, muss der Koffer sofort ordentlichst ausgepackt werden. Alle meine extremen Eigenschaften haben sich eigentlich relativiert, seitdem ich etwas erwachsener und geschäftstüchtiger geworden bin. Ich war früher auch sehr verantwortungslos, seitdem ich meinen Hund habe, bin ich allerdings viel bedachter. Das Gegenteil von mir wäre ein penibler Planer. Jemand mit einem Beruf, indem man sehr ruhig, sehr organisiert und sehr geplant sein muss. // Oder andere Frage, was wärst du gerne in einem anderen Leben? Ein Hund. Als Hund freust du dich am Tag über so viele Sachen: Frauchen kommt nach Hause – geil, Streicheln – geil, Rausgehen – geil, Fressen – geil, Alles – geil! Und alle finden dich süß: Einen Hund hat man irgendwann auch nicht über. // Du bist ein impulsiver Mensch und sprunghaft – an einem Tag findest du etwas gut, am nächsten lehnst du es ab. Ist diese Eigenschaft ein Fluch oder ein Segen? Ich bin auf jeden Fall ein Freund davon, seine Entscheidungen revidieren und seine Einstellung immer wieder verändern zu dürfen. Man wird oft auf Meinungen, die man mal hatte, festgenagelt. Ich will mich aber umentscheiden dürfen. Deshalb versuche ich auch weniger beharrlich in meiner Meinung zu sein und davon abzusehen, andere Leute zu überzeugen. Ich mag es auch nicht, wenn Leute das bei mir versuchen. Im Grunde finde ich es aber ganz gut, dass ich immer auf mein Gefühl höre, auch wenn sich das ändern kann: An anderen Tagen darf man andere Sichtweisen auf Dinge haben. Deshalb bin ich auch nicht nachtragend. Andere Leute nehmen Dinge viel ernster als ich. // Und wenn du mal etwas ernst nimmst, fluchst du dann viel? Oder machst du Dinge still und heimlich mit dir selbst aus? Ersteres, das aber auch nicht so radikal. Wenn mich etwas stört, stört es mich auch richtig. Das kommuniziere ich dann, aber nach einer halben Stunde ist es auch wieder vergessen. // Machst du da auch Unterschiede, was die private und die öffentliche Lena angeht? Oder bist du immer dieselbe? Ich schaue extrem, was ich der Öffentlichkeit preisgebe. Ich verstelle mich nicht von meiner Person her, aber ich passe auf jeden Fall darauf auf, was ich sage und was nicht. Und natürlich auch, was ich Social-Media-mäßig fotografiere oder lieber raus lasse. // Wie sieht es momentan mit dir und der Öffentlichkeit aus? Kurz nach deinem ESC-Sieg vor fünf Jahren bist du für drei Monate in ein Hotel nach Köln gezogen, weil du nicht wolltest, dass die Leute wissen, wo du wohnst. Wie ist das heute? Die Aufmerksamkeit ist nicht mehr so groß wie zu ESC-Zeiten, deshalb ist auch alles nicht mehr so brisant. Ich selbst lasse mich auch nicht mehr so stressen. Es ist ok, dass Fans ein Teil meines Lebens sind und an bestimmten Dingen lasse ich sie auch gern teilhaben, gewähre ihnen sogar viele Einblicke, aber bei gewissen Sachen ist eine Grenze erreicht: Ich finde es absolut nicht witzig, wenn jemand vor meinem Haus steht – das ist unmöglich und da werde ich auch zum Biest. Es ist ein absoluter Eingriff in die Privatsphäre. Aber ich glaube, dass man einigen Leuten nett sagen kann, dass man sich damit unwohl fühlt. Die Menschen verstehen das dann total. Ich habe keine Bodyguards um mich herum, aber ich passe schon selbst auf, wo ich hingehe. Ich will mich mit Sicherheitspersonal auch nicht beschneiden: Das engt ein, verändert den Alltag. Ich bin nun mal ein Anfang 20-jähriges Mädchen, ich will nicht in einem großen, eingezäunten Haus mit Privatweg und einem Tor davor wohnen. Das bin ich nicht. Wenn mein Leben jetzt beinhaltet dass ich alle zwei Jahre umziehen muss, weil zu viele Leute wissen, wo ich wohne, dann ist das halt so. // Du bist bei deinem aktuellen Album maßgeblich am Songwriting beteiligt gewesen. Bist du dann sehr autobiografisch mit dem, was du in deine Lieder legst? Oder ist dir das zu privat? Ich bin vielleicht zu zehn oder zwanzig Prozent autobiografisch. Ansonsten versuche ich mit Gefühlen und Situationen zu arbeiten, die so passieren: Vor mir auf der Straße geht jemand und bremst mich aus, weil er so verdammt langsam ist. Das macht mich wahnsinnig und ich denke dann an andere Situationen im Leben, in denen man ausgebremst wird. Über so etwas kann man zum Beispiel einen Song schreiben. Oder über das Glücksgefühl, das man hat, wenn man bei guter Musik und Sonne im Gesicht im Auto sitzt – solche Gefühle versuche ich mir immer zu merken. // Wie viel sollte man mit der Öffentlichkeit teilen und wann sollte man einen Schlusspunkt finden? Meine Philosophie ist: Mehr erzählen geht immer, aber im Nachhinein weniger sagen, geht halt nicht. Und wenn etwas erst mal draußen ist, ist es draußen für immer. Ich bereue eigentlich nichts, aber das würde ich schon bedauern. Es ist ja auch nicht so, dass ich über nichts spreche. Man kann mit mir über alles reden, nur nicht über meine private Geschichte und mein Umfeld, weil ich nicht finde, dass es etwas mit meinem Beruf zu tun hat. Ich würde mich mehr verpflichtet fühlen, über mein persönliches Leben zu sprechen, wenn ich eine Kolumnistin wäre, die Lebenserfahrungen mit Lesern teilt. // „Je ne regrette rien“ hast du dir auf deinen Fuß tätowieren lassen. Das Zitat von Édith Piaf hat al- lerdings nicht viel mit deiner Vergangenheit, sondern mit deiner Zukunft zu tun – eine Beruhigung für dich, das alles schon einen Sinn ergeben und gut werden wird. Gibt es trotzdem etwas, das du vielleicht nicht direkt bereust, aber gern anders gemacht hättest? Nein, denn hätte ich nichts gemacht, was ich im Nachhinein vielleicht nicht gut gefunden hätte, hätte ich aus der Sache auch nicht gelernt und hätte den Fehler nur zu einem anderen Zeitpunkt in meinem Leben gemacht. Man macht Fehler schon, um aus ihnen zu lernen. Und man war auch nur so dumm, ihn zu machen, weil man ihn eben vorher noch nie gemacht hat. T

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